Friedensreich Hundertwasser

(15.12.1928 in Wien - 19.2.2000 auf dem Pazifischen Ozean)

Hundertwasser und ich

(Nachruf, geschrieben in Neuseeland, Februar 2000)

 

Seit der Zeit meiner ersten Erinnerungen trage ich dieses Bild von Hundertwasser in mir: Im Wohnzimmer meiner Eltern hing ein Poster, das sie auf einer Ausstellung erworben hatten. Ein Haus mit tausend Fenstern (laut Titel). Als kleines Kind glaubte ich das auch und verliebte mich in das Meer von Fenstern mit dem trapezförmigen Aufsatz.  Die bunten Farben und phantasievollen Formen dieses Gemäldes von Hundertwasser prägten mein Verständnis für Kunst in meinen frühesten Jahren.

 

Meine Mutter erzählte mir, als ich ungefähr drei Jahre alt

gewesen sei, besuchten wir meine Kindergärtnerin bei ihr zu Hause. Dort hing ein anderes Hundertwasser Poster. Ich stand davor und sagte wohl: “Oh, ein Hundertwasser!” Meine Kindergärtnerin muss sehr beeindruckt gewesen sein. Formen und Farben in seinem Werk sind so eindeutig im Stil, dass ich in jüngsten Jahren seine Bilder erkennen konnte, obwohl ich bisher nur eines gekannt hatte. Auch als das Poster nicht mehr hing, meine Eltern es später gegen etwas anderes ausgetauscht hatten, verschwand es doch nie aus meinem inneren Auge.

 

Ich war in meinen frühen Teenagerjahren, als ich von meiner Mutter ein Buch bekam, “Schöne Wege”, mit Texten von Hundertwasser. Ich war noch zu jung, um es zu verstehen. Ich erinnere mich , dass die Fotos im Buch einen starken Eindruck auf mich machten, u. a. auch Pressefotos seiner Naktreden, die er in den 70ern hielt. Ich habe aber keine Erinnerung daran, einen seiner Fernsehauftritte gesehen zu haben.

 

Jahre später, als ich mich für einen Studiengang entscheiden musste, war es eher Zufall, dass ich auf Kunstgeschichte stieß. Hundertwasser war in weite Ferne gerückt und hatte auch keine Chance, wieder in den Vordergrund zu stoßen, da ein Kunstgeschichtsstudium in Münster vorwiegend auf Mittelalter und Renaissance ausgerichtet ist, weitestgehend auf Expressionismus.

 

Als es schließlich auf mein Examen zuging hatte ich als Inhalt meiner Magisterarbeit ein Münsteraner Thema im Kopf. Eines Tages meinte meine Mutter: warum behandelst Du nicht Hundertwasser? Sofort war ich Feuer und Flamme für die Idee, endlich, nach so langer Zeit, meinen Lieblingskünstler intensiver erforschen zu dürfen. Ich deckte mich mit wunderbaren Büchern über ihn und seine Kunst ein.

 

Ich hatte von einer Hundertwasserausstellung in Braunschweig gehört, die gerade lief und arrangierte einen Besuch dort. Das war meine erste Hundertwasserausstellung! Am Ende der Ausstellung hing ein Fax, gerahmt, an der Wand. Vom Meister selbst. Er bedankte sich darin für die Ausstellung, entschuldigte sich, dass er nicht zur Eröffnung kommen konnte und wünschte viel Erfolg. Wie immer auf einem Fax, war ganz klein auch die Nummer des Senders abgedruckt. Die merkte ich mir. Eine Nummer in Neuseeland! Einige Zeit später, im elterlichen Hause, beschloss ich, diese Nummer auszuprobieren und verfasste ein Fax, in dem ich mich und mein Projekt vorstellte.  Ich erwähnte auch, dass mein Vater Orgelbauer sei. Aus irgendwelchen technischen Gründen gelang es mir nicht, das Fax and andere Ende zu bekommen. Ich stellte fest, dieser Nummer war auch ein Anrufbeantworter angeschlossen,

worauf ich zum ersten mal Hundertwassers Stimme mit österreichischem Akzent auf englisch vernahm. Ich fasste mir ein Herz und sprach den Inhalt meines Faxes darauf.

 

Als nächstes erinnere ich mich an die aufregende Nachricht meines Vaters, Hundertwasser habe angerufen und ihn gefragt: Sie sind also der Orgelbauer? Mit höchstem Pulsschlag ergriff ich den Hörer und rief in Neuseeland an. Er war da, persönlich, ich hatte Meister Hundertwasser selbst am anderen Ende der Telefonleitung, konnte es kaum glauben. Seine erste Aussage war, es sei doch viel zu teuer für mich, ihn in Neuseeland anzurufen und ich solle ihm schnell nochmal die Telefonnummer geben, er wolle mich zurückrufen. Gesagt, getan. Das Gespräch war eher persönlicher Natur. Er fragte mich nach meinen Geburtsdaten und stellte fest, dass unsere Geburtstage nicht weit voneinander entfernt sind, wir also beide Schützen seien. Ich war begeistert von seiner lockeren, offenen Art, als ob wir schon lange Freunde gewesen wären. Er gab mir seine Adresse, und bat mich, ihm ein Foto von mir zu schicken. Anschließend an das Gespräch dachte ich noch weiter und bemerkte die Koinzidenz, dass zum Zeitpunkt unseres Kennenlernens er 68 Jahre alt war und ich 28, wobei er 1928 und ich 1968 geboren war, was ich ihm sofort schrieb. Einige Zeit später bekam ich ein eine Postkarte von ihm.

 

Ich machte mich an meine Magisterarbeit. Auf der Suche nach weiterer Literatur stieß ich auf die Tatsache, dass ganz in der Nähe meiner Eltern eine Druckerei war, die hauptsächlich Hundertwasser Literatur druckte. Ich kontaktierte den Chef persönlich, der mich sofort freundlich einlud, vorbei zu schauen. Es stellte sich heraus, dass es inzwischen keine Druckerei mehr war, sondern nur noch Verlag. Ich wurde herzlich empfangen und durch die Räume geführt. Oh, ein Paradies für mich. Überall Hundertwasserposter, -bücher, und anderes. Zwei Poster durfte ich mir aussuchen, und als ich auf das Buch ansprach, auf dessen Suche ich eigentlich war – ein kleinformatiger Katalog mit Hundertwasserbildern auf schwarzem Grund (Hundertwasser liebte Regentage, an denen die Farben der Natur aus eigener Kraft leuchten, und das tun auch seine Bilder) – bekam ich es in die Hand gedrückt – meine “Hundertwasser-Bibel”. Reich beschenkt und überglücklich kehrte ich heim.

 

Wie jeder, der durch diese Examensphase geht, hatte auch ich meine Tiefs. Ich musste aber nur eines der schönen Bücher aufschlagen und mich in den Bann der Phantasiebilder Hundertwassers schlagen lassen, so zogen seine Formen und Farben mich aus jeder depressiven Stimmung heraus. Das funktionierte immer!

 

Schließlich kontaktierte ich auch das Managerbüro in Wien, wo ich auf freundliche Unterstützung stieß. Von dort erhielt ich die Mitteilung, dass Hundertwasser in Bälde in Köln einen Preis der deutschen Philatelisten überreicht bekommen sollte, und dass ich ihn dort treffen könne. Diese Gelegenheit musste ich einfach nutzen. Ich fuhr nach Köln und dachte mir, dies wird einer der sehr besonderen Tage in meinem Leben und beschloss, das noch zu unterstreichen. So nahm ich mir ein Zimmer in einem Hotel direkt neben dem Messegelände, wo der Preis überreicht werden sollte, im Hyatt-Hotel!

 

Als die Überreichung schließlich stattgefunden hatte und die Massen am Meister vorüber gezogen waren, um Autogramme zu erheischen, näherte ich mich an und stellte mich kurz vor. Sofort wich der geplagte Gesichtsausdruck einer Freude und wir unterhielten uns etwas. Das war einer der schönsten Momente in meinem Leben.

Ich hatte es mir ja schon gedacht, Hundertwasser weilte auch im Hyatt. Und so lief er mir dort später am Abend über den Weg, als ich in der Lounge einen Drink zu mir nahm, und was mich besonders ehrte: er setzte sich noch für ein paar Minuten zu mir.

 

Zu dieser Zeit hatte Hundertwasser ein großes Projekt laufen, in Bad Blumau in der Steiermark. Und die Einweihung des ersten Bauabschnittes stand an. Das war einige Monate nach unserem Kölner Treffen. Wiederum durch den Kontakt zum Wiener Büro konnte ich den Einweihungsfeierlichkeiten beiwohnen. Ein wunderbarer Komplex um Thermalquellen herum, ein Ort zum träumen. Ich war begeistert. Nach all den Eröffnungsreden ging ich hinter die Tribüne, wo ich mit Umarmung von Herrn Hundertwasser empfangen wurde. Er schleuste mich mit in den Saal, wo all die besonderen Gäste speisen sollten und ich durfte an einem köstlichen Mahl teilnehmen.

Anschließend nahm sich Hundertwasser Zeit für mich, was mich wiederum sehr ehrte. Auf dem Weg zu seinem Hotelzimmer stellte er mich noch kurz Walter Koschatzky vor – einer Koryphäe in der Kunstwissenschaft. Dann bekam ich Einblick ins Innere einer der vielen Hotelzimmer, ebenso wunderbare Formen und Farben.

Wir standen eine Weile auf dem Balkon und blickten in den Innenhof, wo sich all die Gäste aufhielten und Programm geboten wurde. Hundertwasser schoss ein Foto von mir, und als ich fragte, ob nicht auch eines von uns beide nett wäre, meinte er: nächstes mal… Dieses nächste mal sollte es nicht geben.

 

Im Januar 2000 ergab sich die nächste Möglichkeit für ein Wiedersehen. Im Zuge meiner Weltreise hielt ich mich in Neuseeland auf. Ein halbes Jahr vorher hatte ich mein Kommen angemeldet und war nun ganz nah an des Meisters selbstgewählten Paradieses. Am 24. Januar rief ich von Auckland aus bei ihm in der Nähe von Kawakawa an. Hundertwasser klang angespannt und sagte, er sei sozusagen in Klausur, habe so viel zu tun, dass er keine Zeit habe, Besuch zu empfangen. Ich war traurig, war ich doch so weit gereist, um “das nächste mal” wahr werden zu lassen. Vom Wiener Büro erhielt ich eine freundliche Email, ich solle die Abweisung nicht persönlich nehmen, er sei nun mal ein sehr beschäftigter Künstler.

 

Ganz unerwartet traf mich am Dienstag, den 23. Februar von drei Seiten die Nachricht, Hundertwasser sei auf der Queen Elizabeth II auf der Fahrt in seine Heimat verstorben. Der Schock saß tief. Die Welt ist um einen großen Denker ärmer, der viel in die Erhaltung der Natur investiert hat. Ich hoffe, dass viele Menschen in diesem Sinne weiterdenken und uns so die Möglichkeit erhalten bleibt, uns in kleinen paradiesischen Nischen unseres Planeten zu rekreieren und genießen, was uns die Natur an Pracht bietet. Hundertwassers Bilder werden weiterhin Therapie für Traurige sein, wie auch seine Architektur. Mögen junge Künstler ein Vorbild in ihm sehen und seine Phantasien fortsetzen.

 

Ich werde Hundertwasser und das, was er geschaffen hat, immer in meinem Herzen tragen.

 

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Tel.: 0251 / 490 46 23 oder info [at] anjarohlf.de

Friedensreich Hundertwasser, der träumende Maler-Architekt
Als Maler wurde er in den 70er Jahren bekannt. Sein Traum war es jedoch zu bauen. Zuerst malte er Architektur, später bemalte er Architektur und schließlich durfte er endlich selbst bauen. Mit diesen zu Stein gewordenen Träumen hat Hundertwasser seine Ideen verwirklicht: Kleine Paradiese, Oasen für Augen, Geist und Seele.

Lernen Sie Leben und Werk des faszinierenden Künstlers kennen. In meinem Vortrag zeige ich Ihnen seine ersten zeichnerischen Anfänge und Bilder, die man nicht in seinem Werk erwartet. Von meinen Besuchen seiner Bauten habe ich schöne Aufnahmen mitgebracht, die vielleicht Lust auf auf einen Besuch machen...

 

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