Aus: Eckhart Tolle: Leben im Jetzt

 

 

Wenn es zu Deiner Liebe ein Gegenteil gibt, dann ist es keine Liebe, sondern das starke Egoverlangen nach einem vollkommeneren, tiefern Selbstgefühl, ein Verlangen, das die andere Person vorübergehend erfüllt. Das ist der Ersatz des Egos für die Erlösung, und für eine kurze Zeit hast du auch fast das Gefühl, erlöst zu sein.

 

Aber irgendwann ist immer der Punkt erreicht, wo Dein Partner deinen  oder vielmehr den Bedürfnissen deines Egos nicht mehr gerecht wird. Jetzt kommen Gefühle wie Angst, Schmerz und Mangel wieder an die Oberfläche, alles wesentliche Bestandteile des Egobewusstseins, die nur von deiner „Liebesbeziehung“ überdeckt wurden.

 

Wie bei jeder anderen Such auch bist Du high, so lange dir die Droge zur Verfügung steht, doch es kommt unweigerlich der Zeitpunkt, an dem die Droge keine Wirkung mehr zeigt.

 

Wenn die schmerzhaften Gefühle wiederkehren, empfindest du sie noch stärker als zuvor, vor allem jedoch betrachtest du jetzt deinen Partner als die Ursache dieser Gefühle. Das heißt, du projizierst sie nach außen und greifst nun den anderen mit der brutalen Gewalt an, die Teil deines Schmerzes ist.

 

Deinem Partner oder deiner Partnerin mach dieser Angriff womöglich den eigenen Schmerz bewusst, so dass sie zur Gegenwehr übergehen. An diesem Punkt hofft dein Ego unbewusst noch immer, dass sein Angriff beziehungsweise sein Manipulationsversuch als Strafe genügt, um den Partner zu einer Verhaltensänderung zu bewegen, damit er wieder zur Schmerzbetäubung herhalten kann.

 

Jede Abhängigkeit oder Such entspringt einer unbewussten Weigerung, sich mit dem eigenen Schmerz auseinander zu setzen und ihn durchzustehen. Jede Sucht beginnt mit Schmerz und endet mit Schmerz. Ganz gleich, wonach du süchtig bis, ob nach Alkohol, Essen, legalen oder illegalen Drogen oder einer Person, immer benutzt du etwas oder jemanden um deinen Schmerz zu betäuben.

(S. 92/93)

 

 

In jedem Erfolg ist bereits ein Misserfolg angelegt und in jedem Fehlschlag der Erfolg. In dieser Welt, das heißt, auf der Ebene der Form, „versagt“ natürlich jeder früher oder später einmal und jede Leistung ist irgendwann umsonst. Alle Erscheinungsformen sind vergänglich.

 

Du kannst zwar weiterhin aktiv sein und voller Freude neue Formen und Umstände schaffen oder entstehen lassen, aber du identifizierst dich nicht mehr mit ihnen. Du brauchst sie nicht mehr für dein Selbstgefühl. Sie sind nicht dein Leben – nur deine Lebensumstände.

 

Ein Zyklus aus Höhen und Tiefen kann wenige Stunden bis hin zu einigen Jahren dauern. Es gibt große Zyklen und innerhalb dieser großen Zyklen kleine Zyklen. Viele Krankheiten entstehen dadurch, dass du gegen die Tiefen, der Zeiten mit niedrigem Energiepegel, ankämpfst, die doch für die Regeneration lebenswichtig sind. Dieses zwanghafte Verhalten und diese Neigung, dein Selbstwertgefühl und deine Identität über äußere Faktoren wie Leistung zu definieren, sind unvermeidliche Illusionen, solange du dich mir dem Verstand identifizierst.

 

Dadurch ist es schwer oder gar unmöglich für dich, die Tiefen zuzulassen und zu akzeptieren. Dann wird unter Umständen die Intelligenz des Organismus tätig, ergreift Maßnahmen zum Selbstschutz und löst eine Krankheit aus, um dich zum Innehalten zu zwingen, sodass die notwendige Regeneration einsetzen kann.

(S. 110/111)

 

 

Wenn du dich dem hingibt, was ist,

und auf diese Weise vollkommen gegenwärtig bist,

verliert die Vergangenheit all ihre Macht.

Dann erschließt sich dir das Reich des Seins,

das vom Denken bisher verborgen wurde.

Plötzlich erfüllt dich eine tiefe Stille,

ein grenzenloses Gefühl des Friedens.

Und in diesem Frieden ist große Freude.

Und in dieser Freude ist Liebe.

Und in ihrem innersten Kern ist das Heilige,

das Unermessliche, das Namenlose.

 

 

 

 

Jemand sagt zu dir etwas, das beleidigend ist und die verletzen soll. Statt darauf unbewusst und negativ mit Gegenangriff, Abwehr oder Rückzug zu reagieren, lässt du es einfach durch dich hindurchgehen. Leiste keinen Widerstand. Es ist, als sei niemand mehr da, der verletzt werden könnte. Das ist Vergebung. Auf diese Weise wirst du unverwundbar. Du kannst der betreffenden Person trotzdem immer noch sagen, dass ihr Verhalten inakzeptabel ist, falls du das gerne möchtest. Derjenige hat jedoch nicht mehr die Macht, dein Innenleben zu beeinflussen. Du bist selber im Besitz der Macht, statt jemand anderem oder deinem Denken ausgeliefert zu sein. Der Widerstandsautomatismus ist immer der Gleich, ob es sich um eine Autoalarmanlage, einen unhöflichen Mitmenschen, eine Überschwemmung, ein Erdbeben oder den Verlust deines gesamten Besitzes handelt.

 

Suchst du noch immer außen und kannst das Suchen nicht lassen? Vielleicht bringt ja der nächste Workshop die Lösung oder die neue Technik, von der du gehört hast. Dir würde ich raten:

Suche keinen Frieden. Gib dich mit dem Zustand zufrieden, in dem du dich gerade befindest, statt einen anderen herbeizusehnen; sonst sind inner Konflikte und unbewusster Widerstand vorprogrammiert.

 

Vergib dir, dass du nicht im Frieden bist. In dem Augenblick, in dem du dienen Unfrieden rückhaltlos akzeptierst, wird er sich in Frieden verwandeln. Alles, was du voll und ganz akzeptierst, wird dich hinführen, wird die zum Frieden verhelfen. Da ist das Wunder der vollkommenen Hingabe.

Wenn du das annimmst, was ist, ist jeder Augenblick der Beste. Das ist Erleuchtung.

(S. 118/119)

 

 

Hingabe schärft deinen Blick für das, was zu tun ist; du trittst in Aktion und konzentrierst dich immer nur auf eine Sache, erledigst eins nach dem anderen.

 

Lerne von der Natur. Sie, wie sich das Wunder des Lebens ohne Unzufriedenheit oder Trübsinn entfaltet und alles gelingt.

 

Wenn deine Gesamtsituation unbefriedigend oder unangenehm ist, dann nimm dir nur diesen einen Augenblick und gib dich dem hin, was ist. Das ist der Taschenlampenstrahl, der den Nebel durchdringt. In diesem Bewusstseinszustand lässt du dich nicht länger von äußeren Umständen beeinflussen. Du gehst nicht mehr von Reaktion und Widerstand aus.

 

Und jetzt sondiere die Situation. Frage dich: „Kann ich irgendetwas tun, um diese Situation zu verändern, zu verbessern oder zu verlassen?“ Wenn ja, unternimm die nötigen Schritte.

 

Befasse dich nicht mit den tausenderlei Dingen, die du irgendwann in Zukunft tun willst oder tun musst, sondern konzentriere dich auf das eine, was du in diesem Augenblick tun kannst. Das heißt nicht, dass du nicht vorausplanen könntest. Womöglich ist Planung genau das, was im Augenblick angesagt ist. Aber pass auf, dass keine „Gedankenfilme“ in deinem Kopf ablaufen, die dich fortwährend auf die Zukunft ausrichten, sodass du das Jetzt aus den Augen verlierst. Manche, was du jetzt tust, hat vielleicht keine unmittelbaren Auswirkungen. Bis es Frucht trägt, solltest du dich dem, was ist, nicht widersetzen.

 

Wenn Du nichts tun und dich auch nicht aus der Situation befreien kannst, dann nutze sie, um nicht noch intensiver in Hingabe zu üben und noch tiefer ins Jetzt, ins Sein hineinzugehen.

 

Wenn du in die zeitlose Dimension der Gegenwart eintrittst, ergeben sich oft erstaunliche Veränderungen, ohne dass du viel dazutun musst. Das Leben erweist sich auf einmal als hilfreich und kooperativ.

 

(S. 128/129)

 

 

 

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